Arzneipflanzen Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e. V.

 

Arzneipflanzenanbau in Deutschland

Arzneipflanzen sind Spezialkulturen, die viel Fachwissen und hohe Erstinvestitionen erfordern, potenziell aber auch eine hohe Wertschöpfung bieten. Die Weiterverarbeiter sind an heimischer Ware interessiert, denn um Rohstoffe für Arzneimittel, Kosmetika oder Nahrungsergänzungsmittel zu erzeugen, müssen Landwirt und Abnehmer intensiv zusammenarbeiten - kurze Wege und fehlende Sprachbarrieren sind da hilfreich. Derzeit kann die Nachfrage nach Arzneipflanzen aus heimischem Anbau noch bei weitem nicht gedeckt werden, nur rund 15 Prozent der hierzulande benötigten Rohstoffe kommen aus Deutschland. Dabei leisten die Kulturen nicht nur einen Beitrag zur biobasierten Wirtschaft, sie können auch für deutlich mehr Artenvielfalt auf dem Acker sorgen.

Deshalb fördert das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) über die FNR Forschung, Entwicklung, Demonstration und Information zu diesem Thema.

Kamille, Melisse und Baldrian erfolgreicher anbauen

Zwischenstand im Demonstrationsprojekt ‚KAMEL‘

Das Demonstrationsvorhaben „Verbesserung der internationalen Wettbewerbsposition des deutschen Arzneipflanzenanbaus am Beispiel der züchterischen und anbautechnologischen Optimierung von Kamille, Baldrian und Zitronenmelisse“, kurz KAMEL, ist ein besonders umfangreiches, vom BMEL gefördertes Projekt zum Arzneipflanzenanbau. KAMEL besteht insgesamt aus 35 Einzelvorhaben. Das erste Teilprojekt startete bereits 2006, das letzte wird voraussichtlich 2020 beendet sein. Insbesondere die Züchtungsprojekte benötigen viel Zeit. Wie schon der Name des  Vorhabens ausdrückt, will KAMEL einen Beitrag zur Anbauausweitung von Arzneipflanzen leisten, indem die Produktionsketten von der Züchtung über Anbau und Ernte bis zur Aufbereitung optimiert werden. Insbesondere heimische Kamille, aber auch die anderen beiden Kulturen werden zum Beispiel von der Firma Martin Bauer, einem großen Abnehmer von Arzneipflanzen, verstärkt nachgefragt.

Einige Ergebnisse aus KAMEL liegen bereits vor, im Folgenden wird eine Auswahl dargestellt, die vor allem für Anbauer dieser Kulturen interessant ist:

Baldrian

Saat: Es empfiehlt sich, die kostenintensive Pflanzung von Baldrian durch ein günstigeres Säverfahren zu ersetzen, das gleichzeitig gute Voraussetzungen für die Ernte und Erdabreinigung schafft.  Dazu eignet sich ein Flachbettsäverfahren ebenso wie ein kombiniertes Dammsäverfahren mit pneumatischen Einzelkornsägeräten. Die Einbettung des Saatgutes in eine genügend rückverfestigte, wasserführende Bodenschicht bei einer Sätiefe von 10 mm ist sehr wichtig. Für eine ausreichende und schnelle Bestandsetablierung benötigt man 2,5 bis 3,0 kg Saatgut pro Hektar.

Pflege: Ein hoher Ernteertrag mit hohen Inhaltsstoffgehalten lässt sich bei Baldrian am ehesten durch die Kombination von Bürsten- und Unihacke erzielen, gefolgt von der Kombination Bürsten- und Fingerhacke.

Ernte: Die Ernte von Baldrianwurzeln erforderte bislang viel Handarbeit. Im Rahmen von KAMEL wurde erstmals ein vollmechanisches Ernteverfahren entwickelt: Die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) hat das Umbaukonzept für einen Kartoffelrodelader zum Baldrianwurzelernter auf ihrer Internetseite veröffentlicht (www.lfl.bayern.de).

Zitronenmelisse

Saat: Die Saat der Melisse ist, ähnlich wie Baldrian, sehr anspruchsvoll, da das Melissesaatgut eine Tausendkornmasse von nur 0,5 Gramm und eine nur geringe Triebkraft hat. Zudem ist eine vergleichsweise hohe Keimtemperatur von über 20 °C erforderlich. Zur Bestandsetablierung eignet sich ein klassisches pneumatisches Einzelkornsäsystem mit veränderter Säscheibe. Das Säschar wird durch eine vorlaufende Andruckrolle mit einer aufgesetzten Gummiwulst ersetzt, die die Säfurche erzeugt. Anschließend wird das Melissesaatgut mit Perlite der Körnung 2 bis 3 mm bedeckt. Mit diesem Verfahren lässt sich bei 2,5 kg Saatgut pro Hektar eine gleichmäßige und ausreichende Bestandsetablierung erreichen. Der Einsatz einer Vlies-Abdeckung und/oder eines Bewässerungssystems  trägt zu weiter verbesserten Keim- und Wachstumsbedingungen bei.

Pflege: Im Pflanzjahr ist die Kombination aus Bürsten- und Unihacke am erfolgreichsten in der Unkrautregulierung. Zu Vegetationsbeginn im Jahr nach der Anwendung (1 Jahr nach der Pflanzung) zeigen hingegen diejenigen Bestände den geringsten Unkrautdruck, in denen im Vorjahr die Kombination aus Bürsten- und Fingerhacke zum Einsatz kam. Diese Kombination ist auch bei nochmaliger Anwendung im Jahr 1 nach der Pflanzung am erfolgreichsten.

Kamille

Saat: Die Tausendkornmasse von Kamille liegt mit gut 0,2 g noch unter der von Melisse. Für eine gute Bestandsetablierung sind deshalb ein feines Saatbett und eine gute Bodenverdichtung im Sähorizont  für den kapillaren Wasseranschluss und die Reduzierung der Saatgutverwehung notwendig. Um dies zu erreichen, kann man eine Säkombination aus Kreiselegge, Trapezpackerwalze und  mechanischem Drillsystem mit modifizierten Feinsärädern und zusätzlich eingebauten Zwischenandruckrollen verwenden. Durch diese kombinierte Saatbettbereitung und Saat sind ein schneller und gleichmäßiger Feldaufgang und eine ausreichende Bestandsdichte von 500 Pflanzen pro Hektar erreichbar, bei Minimierung der Saatgutmenge und der Kosten der Bestandsetablierung. Die gleiche Säkombination lässt sich auch als Mulchsäverfahren einsetzen, allerdings mit etwas höherem Saatgutaufwand.
Pflege: Bei Echter Kamille als Säkultur empfiehlt sich eine Vorsaatherbizid-Spritzung eher als eine Nachauflaufbehandlung.

Trocknung

Die Trocknung beansprucht allein bis zu 50 Prozent der Produktionskosten von Arzneipflanzen. Das Leibniz-Institut für Agrartechnik und Bioökonomie e. V. (ATB) optimierte deshalb im Rahmen eines F&E-Vorhabens anhand der bei der Agrargenossenschaft Nöbdenitz eG vorhandenen konventionellen Trocknung die Prozesse: Es ergänzte die bestehenden Öl- und Erdgas-Heizkessel durch ein Erdgas-Blockheizkraftwerk und zwei Wärmepumpen. Diese werden mit dem Strom des BHKWs und mit Beimischung nicht erwärmter Außenluft betrieben. Außerdem bauten die Forscher Leitblechpakete in den Druckkammern hinter den Hauptventilatoren ein und konnten so eine erheblich gleichmäßigere Luftverteilung über die Breite der Roste erreichen. Im Rahmen einer Energiebilanzierung ermittelte das ATB-Team das mit diesen Maßnahmen verbundene theoretische Primärenergie-Einsparpotenzial: Es lag bei über 50 Prozent.


Ausführliche Ergebnisse lassen sich in den Abschlussberichten auf https://www.fnr.de/projektfoerderung/projekte-und-ergebnisse/projektverzeichnis/ nachlesen:


Aussaat:
„Sätechnik; Teilvorhaben 1: Optimierung der Sätechnik als Grundlage der Bestandsetablierung“ – Universität Bonn – Förderkennzeichen 22018908

Pflege: „Unkrautregulierung im Arznei- und Gewürzpflanzenanbau - Leistungsvergleich verschiedener Techniken“ - Universität Bonn – Förderkennzeichen 22001704

Ernte: „Entwicklung eines Systems für die schonende Ernte von Baldrianwurzeln“ – Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) -  Förderkennzeichen 22011509

Trocknung: „Zeitnahe und nachhaltige Verbesserung bestehender Band-, Kipphorden- und Flächentrockner für Kamille, Melisse und Baldrian; Teilvorhaben 2: Effizienzsteigerung der Flächentrocknung“ - Leibniz-Institut für Agrartechnik und Bioökonomie (ATB) - Förderkennzeichen 22012609

Rückblick auf die 3. Tagung „Arzneipflanzenanbau in Deutschland – mit koordinierter Forschung zum Erfolg"

Um neue Interessenten, „alte Hasen“ und die weiterverarbeitenden Betriebe zusammen zu bringen und zu informieren, lud die FNR am 20. und 21. Juni zur 3. Tagung „Arzneipflanzenanbau in Deutschland – mit koordinierter Forschung zum Erfolg“ ins bayerische Schweinfurt ein. Rund 90 Teilnehmer hörten und diskutierten Vorträge zu aktuell geförderten Forschungsprojekten und zu Anbau- und Erzeugerverbänden. Außerdem unternahmen sie eine Exkursion in das besonders artenreiche Kräuteranbaugebiet Schwebheim. Projektmanagerin Wenke Stelter von der FNR gab einen Überblick über die aktuelle Situation: Etwa 750 Betriebe bauen derzeit in Deutschland etwa 120 verschiedene Arten auf insgesamt rund 12.000 Hektar an. Die größte Bedeutung haben Kamille, Lein, Mariendistel, Pfefferminze, Sanddorn, Fenchel, Johanniskraut und Wolliger Fingerhut. Aufgrund von Fruchtfolgebegrenzungen können die meisten Betriebe den Anbau nicht mehr weiter ausdehnen. Gleichzeitig würden die weiterverarbeitenden Betriebe gerne neue Anbauer in Deutschland gewinnen. Sie benötigen Qualitätsware aus kontrollierter Produktion und bevorzugen dabei direkte Abnahmeverträge mit den Landwirten, anstatt bei Händlern einzukaufen. Sie kooperieren gerne langfristig, um Einfluss auf die Produktion nehmen zu können. Heimische Anbauer können zudem die umfangreichen Dokumentationspflichten besser, weil ohne Sprachbarrieren, erfüllen. Aus Sicht des Landwirts oder Gärtners bieten Arzneipflanzen zwar die Chance hoher Wertschöpfung, erfordern aber auch Spezialwissen, teure Technik, viel Handarbeit, einen hohen Wärmebedarf zur Trocknung und möglichst in der Nähe angesiedelte Weiterverarbeiter. Der Beratungsbedarf ist bei Neueinsteigern besonders groß, professionelle Angebote dafür durch Länder, Verbände, Erzeugergemeinschaften oder private Berater gibt es in Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

Wildsammlung auf dem Rückzug

Michael Straub von der Weleda AG gab in seinem Vortrag Informationen zur früher bei der Rohstoffbeschaffung dominierenden Wildsammlung. Heute geht die Wildsammlung zurück. Ca. ab den 1990er Jahren setzte ein Umdenken bei vielen Herstellern ein, die in der Folge zahlreiche Heilpflanzen in Anbau nahmen. Gründe dafür waren Naturschutzrestriktionen, ein zunehmender Mangel an ausreichend qualifizierten Sammlern, Schadstoffeinträge in oder Überbauung von Standorten und nicht zuletzt die Vorteile des Anbaus. Dieser bietet mehr Sicherheit, liefert reproduzierbare Qualität und ist dank rationeller Erntemethoden oft günstiger. Außerdem besteht die Möglichkeit der züchterischen Verbesserung der Genotypen. Zwischen 2011 und 2016 hat Weleda zum Beispiel Teichschachtelhalm, Winterschachtelhalm, Sumpfporst und die Kanadische Gelbwurz (Goldenseal, Hydrastis canadensis) in Kultur genommen. Letztere Pflanze kommt wild in den Wäldern im Osten der USA und Kanadas vor und ist dort gefährdet. Ihre Kultivierung ist aufgrund der Standortansprüche (optimal sind 60 – 80 Prozent Schatten), der unregelmäßigen Keimung und des langsamen Wachstums eine Herausforderung, gleichzeitig sind die Wirkstoffe, die nachgewiesenermaßen antibiotische Wirkung haben, hochinteressant.

Handlungsbedarf beim Greening

Bei den Diskussionen in Schweinfurt  wurde deutlich, dass viele Anbauer Handlungsbedarf beim Greening sehen. Aktuell werden Arzneipflanzen nicht als ökologische Vorrangflächen anerkannt, obwohl die Kulturen der Intention dieser Regelung - das Artenspektrum zu erweitern - bestens entsprechen. Zudem könnte ihre Aufnahme ein zusätzlicher Anreiz für Neueinsteiger sein. Die Praktiker meldeten außerdem Bedarf an weiteren Forschungsergebnissen im Themenfeld Schaderreger und nachhaltiger Pflanzenschutz an.

Die Vorträge stehen als elektronischer Tagungsband in der Reihe Gülzower Fachgespräche hier zum Download zur Verfügung.

Beratung für Neueinsteiger bieten:

Bundesweit:

Baden-Württemberg:

Bayern:

Hessen:

  • agrimed Hessen, Hessische Erzeugerorganisation für Medizinal- und Gewürzpflanzen wirtschaftlicher Verein (w.V.), www.agrimed.de

Nordrhein-Westfalen:

Sachsen-Anhalt:

Thüringen:

  • Thüringer Landesanstalt für Landwirtschaft (TLL)
    Link

 

 

Exkursion am 20. Juni 2017 in das Kräuteranbaugebiet Schwebheim im Rahmen der Tagung „Arzneipflanzenanbau in Deutschland – mit koordinierter Forschung zum Erfolg“. Die Führung leitete Hans Fischer (vorne rechts im Bild) aus Schwebheim, ehemaliger
Exkursion am 20. Juni 2017 in das Kräuteranbaugebiet Schwebheim im Rahmen der Tagung „Arzneipflanzenanbau in Deutschland – mit koordinierter Forschung zum Erfolg“. Die Führung leitete Hans Fischer (vorne rechts im Bild) aus Schwebheim, ehemaliger Vorsitzender des Vereins zur Förderung des Heil- und Gewürzpflanzenanbaus in Bayern e.V.. Foto: FNR/W. Stelter
Blassblütiger Sonnenhut (Echinacea pallida); Foto: FNR/W. Stelter
Blassblütiger Sonnenhut (Echinacea pallida); Foto: FNR/W. Stelter
Mechanische Gänsefußhacke im Thymian. Foto: FNR/Andreas Müller
Mechanische Gänsefußhacke im Thymian. Foto: FNR/Andreas Müller
Thymianernte mit Grünguternter. Foto: FNR/Andreas Müller
Thymianernte mit Grünguternter. Foto: FNR/Andreas Müller
Blassblütiger Sonnenhut im Kräuteranbaugebiet Schwebheim. Die Kultur blieb 2017 infolge von Trockenheit und später Pflanzung kleinwüchsiger als üblich und bildete wenige Blüten aus. Foto: FNR/W. Stelter
Blassblütiger Sonnenhut im Kräuteranbaugebiet Schwebheim. Die Kultur blieb 2017 infolge von Trockenheit und später Pflanzung kleinwüchsiger als üblich und bildete wenige Blüten aus. Foto: FNR/W. Stelter
Melisseernte in der Agrarprodukte Ludwigshof eG in Thüringen. Die Erntetechnik basiert auf alter Futtererntetechnik des Herstellers „Fortschritt“ aus der DDR. Foto: FNR/W. Stelter
Melisseernte in der Agrarprodukte Ludwigshof eG in Thüringen. Die Erntetechnik basiert auf alter Futtererntetechnik des Herstellers „Fortschritt“ aus der DDR. Foto: FNR/W. Stelter
Balsamkraut (Tanacetum balsamita) mit künstlicher Bewässerung. Foto: FNR/Andreas Müller
Balsamkraut (Tanacetum balsamita) mit künstlicher Bewässerung. Foto: FNR/Andreas Müller
Titelfoto
Basisdaten Nachwachsende Rohstoffe